Große Brennessel (Urtica dioica L.

Wahrscheinlich ist die Brennessel den meisten Menschen eher als unangenehme oder gar schmerzhafte Pflanze in Erinnerung, denn sie besitzt tatsächlich ein raffiniertes Abwehrsystem, mit dem sie ungebetenen Gästen bei Berührung eine Ladung Gift verpaßt. Verantwortlich hierfür sind Brennhaare. Diese Emergenzien besitzen an der Spitze ein verkieseltes Köpfchen, das bei Berührung abbricht. Die scharfe Bruchstelle kann dann in das Gewebe des Feindes eindringen, während sich der Inhalt der an der Basis sitzenden Drüse wie durch eine Kanüle entleert. Damit ist übrigens auch zu erklären, warum die Brennesseln nur dann ihre nesselnde Wirkung entfachten, wenn man sie zart berührt.
Tatsächlich gehört diese Spezies jedoch zu den Pflanzen, die schon über Jahrhunderte hinweg als "Mädchen für alles" genutzt wird. Man verwendete den Extrakt als Gegengift gegen Quecksilber, Pilzvergiftungen oder Schlangenbisse (Nikander/Apollodorus von Alexandria, 2-3. Jhd. v. Chr.), oder - äußerlich aufgetragen - gegen Verbrennungen. Außerdem soll sie auch gegen Gicht, Asthma und Tuberkulose helfen.

Daneben bietet die Brennessel viele Nährstoffe und Mineralien. Daher benutzten die Landbewohner sie als Geflügel- und Viehfutter, für sich selber als Tee oder stellten Bier oder Wein daraus her. Vor der Baumwolleinfuhr gewann man aus ihren Fasern Zellstoff, der versponnen wurde.
In der Homöopathie findet Urtica heute Anwendung bei Auschlägen, die durch die Brennessel hervorgerufen wurden, Verbrennungen 1. Grades und Schweißdrüsenentzündungen.
Wichtig ist die Brennessel auch für die Industrie. Sie dient als Rohstoff für industrielle Chlorophyllgewinnung.

Legenden

Plinius trank Brennesselsaft als Behandlung gegen Vernesselungen. Interessant übrigens, da dies ja heute in der Homöopathie eine wichtige Methode zur Behandlung von Allergien ist.
Hans Christian Anderson erzählt in seinem Märchen über die wilden Schwäne von einer Prinzessin, deren elf Brüder in Schwäne verwandelt wurden. Sie mußte nun elf Hemden aus Brennesseln weben, um sie zu erlösen. Aus Zeitmangel fehlte jedoch der letzte Ärmel, so daß der jüngste Prinz mit einem Schwanenflügel zurückblieb.
Im zweiten Weltkrieg wurde der Export von Brennesseln nach England gestoppt, da man sie zum einen als Tarnung (Herstellung von grünem Farbstoff), zum anderen als Medizin für die Soldaten benötigte. In der römischen Besatzungszeit in England schlugen sich die Soldaten mit Brennesseln Arme und Beine, das erhöhte die Durchblutung.

Bestimmungsmerkmale
  • 30-180cm hohe Staude
  • Stengel: aufrecht, stark kantig, unverzweigt mit Brenn- und Borstenhaaren, grün bis rot, je nach Sonneneinstrahlung am Standort
  • Blätter: behaart, gegenständig , 1-3 cm, eiförmig-spitz bis eiförmig länglich, grob gesägt, am Grunde meist herzförmig. Oberseits dunkelgrün, matt
  • Blüte: zweihäusig, männliche Blütenstände in langen +/- aufrechten Rispen, weibliche Bltstd. in 3-8cm langen hängenden Rispen, unscheinbar grün/braun
  • kleine 1samige Nüßchen
  • Vorkommen: ursprünglich Auwälder; liebt stickstoffhaltige, basenreiche, frische Böden. Waldränder, Lichtungen, Schuttplätze, Ufer, Wegränder etc.
  • Besonderes Kennzeichen: Die Brennhaare sondern bei Berührung ein Gift ab, daß Juckreiz verursacht.
  • Verwechslung: Urtica urens ist erheblich kleiner und einhäusig, inzwischen seltener, hat dieselbe toxische Wirkung wie Urtica dioica.

Botanik

Klasse: Rosopsida

Unterklasse: Rosidae

Überordnung: Urticanae

Ordnung: Urticales

Familie: Urticaceae (Brennesselgewächse)

 

Wirkstoffe

Neben Ameisensäure, finden sich im wesentlichen vier Substanzen im Sekret der Brennhaare, die als Hauptwirkstoffe gelten können. Dies sind Serotonin (5-Hydroxitryptamin), das im Nervensystem als Neurotransmitter dient, in der Darmschleimhaut die Peristaltik anregt und bei der Blutgerinnung ins Serum eintritt, Histamin, das im ganzen Organismus verbreitet ist und bei allergischen Schocks, Verbrennungen beteiligt ist, Acetylcholin, ebenfalls ein wichtiger Neurotransmitter, und eine weitere amorphe, saure, stickstoffreie Substanz, deren Struktur noch unbekannt ist, die vermutlich hauptsächlich für die Quaddelbildung verantwortlich ist.

Empfehlung

Brennesseln eignen sich übrigens hervorragend als Gemüse in der Küche. Aufgrund ihres hohen Mineralien- und Eiweißgehaltes sind sie sehr nahrhaft und haben gleichzeitig einen feinen Geschmack.

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Stand: 05.11.1999